-Eigentlich gelten wir als unfruchtbar-

Eva (33)

 

Bevor ich von der Geburt meines Sohnes erzähle, möchte ich kurz über seine Empfängnis berichten. Eigentlich gelten wir als “unfruchtbar”. Seine große Schwester war das lang ersehnte Ergebnis einer künstlichen Befruchtung und er, ja, er war eigentlich gar nicht mal geplant. An Weihnachten fragte mein krebskranker Vater in die Familienrunde hinein, ob er denn alle seine Enkel kennengelernt hätte. Mein Mann und ich verneinten, wir wollten schon gern noch mindestens ein Kind, nur wussten wir noch nicht wie und wann. Im April verstarb mein geliebter Papa dann und im Juli fand ich mich in einem Wohnwagen in Norwegen wieder, übermüdet, total übel und überfällig. So ist das im Leben, der eine geht, der andere kommt. Schatten und Licht.

Wir entschieden uns für eine geplante Hausgeburt

Wie bei meiner ersten Geburt entschieden wir uns für eine geplante Hausgeburt, soweit die Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft. Durch den Job meines Mannes ziehen wir alle paar Jahre um, und so war ich unglaublich dankbar für die Möglichkeit noch einmal mit der Unterstützung der gleichen Hebamme entbinden zu dürfen. Mein Geburtsteam bestand zum zweiten Mal aus meiner Hebamme, die sicherlich zu den fünf wichtigsten Menschen im Laufe meines Lebens zählt, meiner Geburtsfotografin, die auch eine liebe Freundin ist und meinem Mann, der mich bei der ersten Geburt wie mein Fels in der Brandung durch jede Welle hindurch begleitete.

Ich hatte das Glück einer wunderbar offenen Ärztin im lokalen Krankenhaus, die mich in der Vorsorge begleitete und die mich wider aller Regelungen ermutigte auf mein Gefühl zu hören und mir Mut zusprach, sowohl bei der ersten, als auch der zweiten Hausgeburt. Ich weiss es sehr zu schätzen, eine moderne Medizinerin an der Seite gehabt zu haben, die mich über sämtliche Tests, Prozeduren und Risiken aufklärte, mich aber nie drängte und die mit einem Zwinkern zu mir sagte “also dann kommen Sie nach der 38. Woche am besten nicht mehr zu mir, sonst muss ich sie noch hier behalten. Aber schauen Sie doch mit dem Baby mal rein. Los jetzt, dass machen Sie doch! Wir sind ja hier, falls was ist”. Ich glaube jede Frau, jede werdende Mama hat es verdient, Rat ohne Wertung und respektvolle Unterstützung zu erfahren.

Geburt geht am besten ohne Angst!

Geburt geht am besten ohne Angst, davon bin ich überzeugt.  Geburt ist das ultimative Loslassen. Das geht nur, wenn man sich geborgen fühlt. Dieses Geborgenheitsgefühl, das Heimelige war es wohl, dass mich schon immer an der Hausgeburt fasziniert hat und auch dieses Urvertrauen in meine eigenen Fähigkeit mein Kind ungestört zu gebären. So wie die anderen Säugetiere. Naiv vielleicht. Vielleicht aber auch einfach wichtig, dieses Vertrauen in sich selbst.

Die Schwangerschaft verlief ruhig und gut. Ich konnte diese Zeit sehr genießen und mit Dankbarkeit annehmen, auch wenn es oft körperlich hart ist, so ein Leben zu wachsen. Trotz Übelkeit, Krampfadern und Erschöpfung, eine magische Zeit.

In der 39. Woche kam meine Mama angereist. Ich wollte sie rechtzeitig bei uns haben, um auf meine damals zweijährige Smilla aufzupassen während der Geburt, und da wollte ich sicher gehen, dass sie nicht zu spät kommt. Außerdem gab es noch ein paar Erledigungen und ohnehin ist es wunderbar wenn die Mama kommt und einen verwöhnt. Gedrängelt habe ich, dass sie schon mehr als eine Woche vor errechnetem Termin kommt. Und dann?

Dann haben wir gewartet.

Keine Anzeichen einer Geburt. Woche 41. Nichts.

Am ersten Sonntag haben wir zusammen mit Mama Tatort geschaut. Der Geburtstermin kam und ging.

Wieder ein Tatort. Wieder nichts. Keine Wehen. Keine Anzeichen einer Geburt. Woche 41. Nichts. Nothing. Niente.  

Ich war um ehrlich zu sein ziemlich ruhig und geduldig, was wenig meinem naturell entspricht. Um mich herum jedoch begann die große Fragerei, die große Warterei und am aller schlimmsten, die grosse Ratgeberei. “Jetzt brauchst du eine Einleitung”, “trink den Aprikosensaft mit Oel”, “jetzt planst du aber keine Hausgeburt mehr, oder?”, “der wird so gross, da brauchst du jetzt garantiert einen Kaiserschnitt”. Es ist schon interessant welche Leute einem auf einmal schreiben, nur weil man mal eben 9 Tage überm errechneten Termin ist.

Meine Hebamme kam alle zwei, drei Tage und sah nach dem Rechten, d. h.  sie “erfühlte” die Fruchtwassermenge, Größe des Kindes, überprüfte den Herzschlag und machte hin und wieder ein kurzes CTG. Vor Allem aber blieb sie ganz ruhig, vertraute meinen Aussagen, dass ich mich gut fühle. Dann kam wieder ein Wochenende.

Diesmal wusste ich, wenn er nicht kommt, muss ich am Montag zum Arzt. Das hatte meine Hebamme geraten, hat mir jedoch einen Mediziner empfohlen von dem sie wusste, er würde mich nicht unnötig ins Krankenhaus zur Einleitung schicken, wenn er keine roten Flaggen sieht. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, warum ich so eine Panik hatte vor einer Einleitung. Das hat sich einfach nicht richtig angefühlt. Ich wusste aber auch, wenn er bis zum Dienstag nicht kommt, zerfällt mein Geburtsteam und meine Hausgeburt, denn meine Hebamme hatte ihren Urlaub schon viele Tage nach hinten verlegt, immer wieder verschoben, aber am Mittwoch ging ihr Flieger. Das war mein Stichtag.

…dann endlich leichte Wehen.

Am Samstag Abend dann endlich leichte Wehen. Vorsichtshalber bauten wir im Wohnzimmer die Matratze und alles für die Hausgeburt und das Wochenbett auf. Handtücher, Kerzen, Schüssel für die Plazenta, Mama-Windeln, Baby-Windeln, Babydecke. Als ich in den frühen Morgenstunden aufwachte, waren alle Wehen wieder weg. Wir machten einen großen Waldspaziergang und ich lief bergauf und bergab in der Hoffnung, dass sich was tut. Ich machte noch einmal einen Krug von meiner “Geburtslimonade” – Wasser, Zitrone, Ingwer, Bachblüten – zum erfrischen während der Wehen. Bereits mein dritter Krug, denn er hält sich maximal eine Woche im Kühlschrank.  

Immer noch nichts. Schon wieder Sonntag Abend. Schon wieder ein Tatort. Immer noch kein Baby. Ich massierte meinen Bauch und flüsterte ihm eindringlich zu “komm mach jetzt. Raus mit dir. Es ist Zeit. Es ist jetzt Zeit mein Kind”.

Der Tatort war vorbei. Im Haus wurde es ruhig. Mein Mann und ich machten Liebe. Das soll ja bekanntlich helfen mit der Wehenanregung und so oder so ist es wohl die liebevollste Weise gemeinsam auf eine bevorstehende Geburt hin zu hoffen.

Tatsächlich kamen gleich im Anschluss die Wehen zurück. Mein Mann schlief ein und ich wehte bis nach Mitternacht ein wenig vor mich hin, beschloss dann aber auch ein wenig Ruhe zu finden. Kaum hatte ich mich hingelegt wurden die Wehen weniger und ich fühlte wie in mir Frust und Angst aufstiegen, dass es wieder nicht die Nacht der Geburt ist.

der laute Schlag der platzenden Fruchtblase weckte mich

Ich musste nur kurz geschlafen haben, als der laute Schlag der platzenden Fruchtblase mich weckte. Ein Geräusch und ein Gefühl das ich nur schwer beschreiben kann. Die Freude setzte ein – es ging doch los! Ich weckte meinen Mann, zog mir eine dieser furchtbaren Mama-Windeln an und rief meine Hebamme an. “Ich hatte eine lange Geburt, kann ich mich noch ein wenig ausruhen, oder was denkst du?” fragte sie. Ich versicherte ihr, dass es langsam angeht  und sie sich noch ein wenig hinlegen kann.

So war das mit uns zwei. Totales vertrauen zueinander und zu diesem Kind und seiner Geburt.

Gegen 5 Uhr morgens kam meine Freundin und Fotografin und fing an mich zu begleiten. Kurz darauf kam die Hebamme. Meine Wellen waren ganz anders als bei der Geburt meiner Tochter. Man denkt, man weiss was auf einen zukommt und dann ist es wieder ganz neu. Jedes Kind anders, jede Geburt anders. Die Wehen waren unregelmäßig, oft mit langen Pausen. Sie kamen mir schwach vor. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie das tatsächlich waren, oder ob ich einfach viel entspannter war diesmal. Ich lag da auf der Matratze im Wohnzimmer im Kerzenschein mit einem schnarchenden Mann neben mir  (“Ich dachte ich kann noch etwas schlafen, weil du so ruhig vor dich hin geweht hast”) und lies vollkommen los. Tief atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Ich ließ meine Beine leicht auseinanderfallen, um mich ganz und gar zu öffnen. Hingeben. Loslassen. Ausruhen. Ein. Aus. Loslassen. Entspannen.

Diese Phase der Geburt ist mir als wunderbar friedlich in Erinnerung geblieben.

Langsam dämmerte es draussen und der Hunger kam. Meine Hebamme meinte, dass ist oft ein Zeichen dass es noch lange dauern kann, aber ich versicherte ihr, dass mir mein Appetit nie vergeht, noch nicht mal während der Geburt. Da meine Mama im Haus wohnte, hatten wir ausnahmsweise Schinken in unserem Vegetarier-Kühlschrank und ich verlangte nach zwei Scheiben Toast mit Schinken und Käse, sowie einer Tasse Schwarztee mit Zitrone und Zucker. Komisch. Aber so war das. Ich verspeiste das Frühstück genüsslich, ging noch einmal auf Toilette, legte mich wieder hin und spürte auf einmal dass die Wehen sich veränderten.  

Hohe Wellen rollten auf mich zu. Von einem Moment auf den anderen konnte ich nicht mehr liegen und ging in den Vierfüßlerstand. Die nächste Welle riss mich fast mit sich.

Ich versuchte meinen Lieben mitzuteilen, dass dieser Schmerz, der da jetzt durch meinen Bauch und in meine Hüften zog unerträglich war, konnte aber kaum Reden. Wie wild geworden ging ich durch das Wohnzimmer, in die Hocke, wieder rauf, hoch das Bein, Hüftkreisen, auf den Ball, wieder runter, meinen Mann umklammern, loslassen, weiterlaufen.

Wie besessen stampfte ich in die Küche, “Ich hol sie mir selber!”

“Ich habe Durst. Bitte hol mir meine Geburtslimonade”, sagte ich. “Wo ist die?”, sagte er.

Wo ist die? Drei Wochen schon stand die in der Mitte unseres Kühlschranks. Diese Frage machte mich auf einmal so wütend! Wie besessen stampfte ich in die Küche, “Ich hol sie mir selber!”. Ich voraus, mein Mann hinterher. Vor Schmerzen konnte ich mir kaum das Getränk einschenken und mein Mann versuchte hilflos, mich zu besänftigen.

Die Übergangsphase. Der Geburtsabschnitt, in dem sich der Muttermund ganz öffnet. Meist kurz, immer heftig. Der Zeitpunkt an dem dich Zweifel überkommen und du denkst, du schaffst das nicht, du kannst das nicht, du zerreißt, du willst das nicht, du bist ganz alleine.

Draussen war es hell geworden.

An dieser Stelle muss ich die Sichtweise von meinen Augen zu einer Vogelperspektive ändern. In meiner Erinnerung beobachte ich mich von oben herab. Meine Hebamme meinte später, dass dies viele gebärende Frauen berichten und sie davon überzeugt ist, dass wir kurzzeitig die physische Hülle unseres Körpers verlassen und unsere Seele die Seele des Kindes abholt. Irgendwo da oben. Das ist sicherlich für viele zu spirituell angehaucht, aber ich finde diesen Gedanken wunderschön.

Ich sehe mich, wie ich mich an meinen IKEA Sessel klammere. Den schwarzen, den ich unbedingt noch haben musste. Mein Mann hatte viel rumtelefoniert und war noch weit gefahren um ihn zu holen. “Den brauche ich zum stillen”, hatte ich gesagt. Wie besessen war ich von dieser Idee mit dem Stuhl.

Gestillt hab ich darin übrigens fast nie. Total unbequem. Aber in dem Moment, da habe ich ihn gebraucht.

Es war gar kein Stillstuhl. Es war mein Geburtsstuhl.

Ich klammert mich daran fest, bis meine Hände weiss wurden. Ich ließ meine Hüften kreisen, ließ alle Geräusche heraus, die in mir hoch kamen. Tiefe, brummende Töne. Animalisch. Instinktiv. Ursprünglich. Geerdet.

Es fühlte sich an, als würden meine Hüften zerspringen.

“Alexa, es tut so weh. Ich kann es nicht”, stieß ich hervor. Alexa, meine Hebamme fing an rhythmisch auf mich einzureden. Ein Chant. “Deine Geburt, deine Wehen, deine Kraft, deine Wehen, deine Kraft”.

Ich muss pressen.

Meine Wellen. Meine Kraft. Meine Staerke. Hüften kreisen. Meine Kraft. Raus schreien was kommt. Meine Geburt. Bald ist er bei mir. Meine Staerke. Meine Schmerzen. Ich hol ihn ab. Meine Kraft. Ich schaffe das. Meine Wehen. Meine Kraft. Ich muss pressen.

Ich ging in die Hocke und presste. Einmal, zweimal, dreimal, ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Da kam der Kopf. Der Ring des Feuers. Das Brennen. Dieses unsagbare brennen, wenn der Kopf durch den Muttermund kommt. Dieses Mal war da aber noch ein anderes Gefühl. Neben dem Schmerz, regnete es Euphorie auf mich herab. Pure Freude. Ein Glück in meinem ganzen Körper, dass ich anders nicht beschreiben kann als mit – orgasmisch. Es überkam mich von oben bis unten. Heute noch kann ich es nachfühlen. Heute noch, spüre ich ein freudiges, erregtes Kribbeln in meiner Cervix wenn ich an den Moment denke, in dem der Kopf da steckte. Zwei Wellen lang. Im englischen sagt man zu diesem Moment übrigens “crowning”, und ich frage mich langsam, ob damit nicht etwa doch “die Krönung”, wie in “der Höhepunkt” gemeint sein könnte.

Dann rutschte er aus mir heraus. Blitzschnell entwickelte meine Hebamme die Nabelschnur von seinem Hals. Einmal. Zweimal. Frei. In meinen Händen. Hoch an meine Brust.

9:14. Montag morgen.

Winter Johann.

 Zwölf Tage nach Termin, am ersten Frühlingstag, hielt ich meinen Winter an meine Brust.

Mit der Kraft und Intensitaet eines Wintersturms kam das sanfteste Wesen zur Welt, dass ich jemals kennenlernen durfte. 

Als er mit seinen großen tiefgründigen, blauen Augen und faltigem, runzeligen Gesicht zu uns aufblickte, konnten wir eine Ähnlichkeit mit meinem Papa nicht leugnen. Der eine geht, der andere kommt. Licht und Schatten. So ist das Leben. Einfach wunderbar irgendwie.

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